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Das Marschmellow Journal

Prokrastination

Es ist wieder so ein Tag: seit Stunden prokrastiniere ich herum. Prokrastination meint: Aufschieberitis. Es gibt täglich hunderttausend Dinge, die ich erledigen könnte, sollte, müsste. Ich mache das eigentlich ziemlich gut, denn wenn dem nicht so wäre, würde ich als Selbständige nicht überleben können – rein wirtschaftlich. Also warum fühle ich mich jetzt so mies?

Im Studium habe ich mich manchmal „Königin Prokrastina“ genannt. Schon damals ziemlich unpassend. Meine Unterlagen habe ich beispielsweise allesamt fein säuberlich abgetippt, was rückblickend überflüssiger Unsinn, ja, IRRSINN war – sie liegen seit Jahren im Keller und ich überlege, den ganzen Krempel wegzuwerfen. Hauptsache fleißig. In einer westlichen Industriegesellschaft meinen wir offenbar, wer nicht mindestens acht Stunden pro Tag arbeitet, sei faul. Wir sind daran gewöhnt, dass ein regulärer Arbeitstag mindestens diese acht Stunden Anwesenheit am Arbeitsplatz plus Einsatz in unauffällig durchschnittlichem Maße abverlangt.

Als Studentin lag ich in der vorlesungsfreien Zeit manchmal einfach nur da und starrte an die Decke. Nicht, dass es mir an anderen Aufgaben gemangelt hätte, aber das Gefühl der Sinn- und Nutzlosigkeit meines Daseins malte sich mit Sonnenstrahlen und tanzenden Staubkörnchen in die Luft. Ich lernte nicht und arbeitete nicht – ich war überflüssig. Und unter Stress, denn aufräumen und putzen hätte ich ja trotzdem müssen. Können. Sollen, zumindest. Was ich dabei übersah: Arbeit ist ein Mittel zum Zweck. Pausen sind unabdingbar, Erholung notwendig. Das Leben findet auch dann statt, wenn man arbeitet, aber nicht ausschließlich!

Hauptsache immer beschäftigt? Foto: lifeofpix

Wann hat man es „geschafft“?

Wir als Gesellschaft bemessen Erfolg daran, was finanziell aus einer Anstrengung resultiert. Wenn jemand „es geschafft hat“, „erfolgreich ist“, dann verdient er viel Geld. Verdient? Sagen wir, erhält. Geld ist also nicht nur ein Tauschmittel, das im Ausgleich für Arbeit ausgegeben wird, es ist auch eine implizite Form der Wertschätzung. Infolge dessen vermissen Menschen, die nur wenig Einkommen und vielleicht auch keine Erwerbsarbeit haben, nicht nur Geld, sondern auch Wertschätzung. Wir fühlen das, selbst wenn wir es uns nicht bewusst machen: Alles, was nicht (gut) bezahlt wird, ist auch nichts, das Wertschätzung verdient.

Da du Beiträge auf Marschmellow liest, bist du vermutlich jemand, der für sich erkannt hat, dass diese Denkweise und dieses Gefühl nicht wahr sind. Wahr im Sinne von: Das kann ich bejahen, es ist stimmig und fühlt sich richtig für mich an. Ich bin darauf auch irgendwann gekommen, aber so wirklich geholfen hat mir das erstmal nicht. Es ist ja eine Sache, für alle anderen Leute anzuerkennen, dass sie als Menschen wertvoll sind, wertvoll weil einzigartig, unabhängig von ihrer Leistung. Eine andere Sache ist es, das für sich selbst ebenfalls anzunehmen. Sich unabhängig davon, was man so leistet, lieb zu haben und rundheraus gut zu finden. Und das ist okay. Hauptsache, du machst dich auf den Weg.

Entspanntheit mit Vorsatz – eine Idee, die mir gefällt. Sie fühlt sich richtig an. Wer sagt denn, dass ein höherer Zeitaufwand auch bessere Ergebnisse bedeutet? Foto: kaboompics

Ich habe mal mit einem Berufsberater zu tun gehabt, der nach dem Ausfall gleich mehrerer Kollegen der einzige Ansprechpartner für unzählige Klienten war. Ich fragte ihn am Telefon, warum er nicht längst zusammengebrochen sei. Er lachte nur und antwortete, er lasse sich einfach nicht fertig machen – dass die Arbeit nicht zu bewältigen sei, egal was er tue, sei Fakt. Er mache seine jetzt ganz besonders notwendigen Pausen wie sonst auch und arbeite sich ruhig und ohne Anspannung durch die Akten. Auch noch nach mehreren Wochen war er der einzige Ansprechpartner – ohne Zusammenbruch und ohne Katastrophen.

Mein Bruder hat mir kürzlich davon erzählt, dass es unter Programmierern einige Profis gibt, die sich täglich vier Stunden dem Code schreiben widmen. Vier. Nicht acht oder mehr.

„Vier Stunden pro Tag mögen lächerlich wenig erscheinen, aber ich habe herausgefunden, dass ich in diesen vier Stunden mehr Coding erledigt bekomme, als es den meisten Leuten in einer Woche gelingt.“

- Jay Janarthanan

Wenn du also wieder „so einen Tag“ hast, mach dir bewusst, dass zwischen Erwerbsarbeit, Einkaufen und Putzen, Erziehung, Weiterbildung und bürokratischen Erfordernissen auch das Atem schöpfen seinen Platz hat. Während du den tanzenden Staubkörnchen zusiehst, ohne Druck im Nacken, ohne schlechtes Gewissen, und atmest, bist du. Jetzt. Hier. Im Augenblick. Du lebst, und zu leben ist deine einzige wirklich wichtige Aufgabe.

Wenn ich nicht konzentriert arbeiten kann, dann lasse ich es nach Möglichkeit sein. Ich gehe einen Kaffee trinken – der mich daran erinnert, dass Kaffee nicht primär wegen seines Geschmacks in allen Branchen in großen Mengen getrunken wird – mache einen Spaziergang oder schwimme eine Runde. Im Anschluss geht es dann oft wie von selbst mit meiner Aufgabe und ich habe zwischendurch eine wirklich gute Zeit gehabt, vielleicht sogar mit Freunden oder der Familie. Freude. Das ist, was zählt.

Du bist vielleicht nicht Selbständig und hast auch keine Gleitzeit. Vielleicht kannst du nicht einfach raus gehen, wenn es nicht läuft. Du könntest dir aber abgewöhnen, Überstunden zu machen. Die Pause durchzuarbeiten, am Schreibtisch zu essen, wütend auf dich zu sein, wenn es nicht läuft. Atme. Mach Pause. Es gibt immer irgendwelchen Stress oder Druck – was wäre, wenn du ihn dir nicht auflädst?

Foto: Dres Hays
 
ZUM MITGROOVEN: Das haben wir uns verdient - Grooveminister
von Marschmellow-Blogerin: Miss Annie
-always groovy-